Ihre Berichte
Lebensmittelallergien und -intoleranzen

Dipl.oec.troph Ute Körner
Oecotrophologin, Büro und Praxis für Ernährungstherapie, Schwerpunkt Lebensmittelallergien und- unverträglichkeiten, Bornheim, DEUTSCHLAND
Schär: Frau Körner, ist es richtig, dass in jüngster Zeit verstärkt Lebensmittelallergien und -intoleranzen auftreten oder nimmt man sie nur verstärkt wahr durch die Berichte in den Medien?
Dipl.oec.troph Ute Körner: Die Häufigkeit von „echten“, d.h. durch den Antikörper IgE vermittelten Lebensmittelallergien wird auf jeden Fall überschätzt. Gemäß einer Studie in der Berliner Bevölkerung vermuten 34,9 % der befragten Kinder und Erwachsenen, dass sie unter einer Lebensmittelallergie leiden. Dieselbe Studie ermittelte jedoch nach doppel-blinden, placebokontrollierten Provokationstests (DBPCFC) in allen Altersgruppen der Berliner Bevölkerung eine Häufigkeit allergischer Lebensmittelunverträglichkeiten von nur 3,6 %.
Bestimmte Allergien wie die pollenassoziierten Lebensmittelallergien haben allerdings in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, da auch die Zahl der Pollenallergiker zugenommen hat.
Schär: Gilt das Gleiche auch für Lebensmittelintoleranzen?
Dipl.oec.troph Ute Körner: Nein. Lebensmittelintoleranzen oder besser nach aktueller Definition „nicht-allergische Lebensmittelunverträglichkeiten“ sind wesentlich häufiger als Lebensmittelallergien. Doch diese beiden Begriffe werden in den Medien und von Patienten oft „in einen Topf geworfen“. Zu den allergischen Lebensmittelunverträglichkeiten (LMU) zählen die IgE-vermittelten Lebensmittelallergien und zum Beispiel die Zöliakie sowie die orale Nickelallergie. Im Gegensatz zu den allergischen LMU ist bei der Histaminintoleranz, der Pseudoallergie, der Fruktosemalabsorption und den Enzymdefekten das Immunsystem nicht beteiligt, sodass hier der Begriff der nicht-allergischen Lebensmittelunverträglichkeiten verwendet wird.
Schär: Man hört aktuell sehr häufig zum Beispiel von Fruktosemalabsorption. Beobachten Sie einen aktuellen Trend und ist es gewissermaßen „schick“, eine Allergie oder Unverträglichkeit zu haben?
Dipl.oec.troph Ute Körner: Der steigende Trend dieser Erkrankung liegt in der verbesserten Diagnostik. Seit Ärzte bei Patienten mit Magen-Darm-Beschwerden nicht nur auf Laktoseintoleranz oder Allergie hin untersuchen, sondern nach ausführlicher (Ernährungs-)anamnese auch H2-Atemtests unter Fruktosebelastung nutzen, stellt sich so mancher „Reizdarm“ als Fruktosemalabsorption heraus. Das Gleiche gilt für die Zöliakie: Seitdem Ärzte vermehrt Zöliakie-Antikörper untersuchen und Dünndarmbiopsien vornehmen, stellen sich die bisher diagnostizierten Zöliakiefälle nur als Spitze des Eisbergs heraus.
Schär: Mit welchen Lebensmittelunverträglichkeiten sind Sie am häufigsten in Ihrer Praxis konfrontiert?
Dipl.oec.troph Ute Körner: Unter den Allergien sind es am häufigsten pollenassoziierte Lebensmittelallergien, Milch-, Ei-Allergien und die orale Nickelallergie. Patienten, die meine Praxis wegen einer nicht-allergischen LMU aufsuchen, leiden meist unter einer Histaminintoleranz, Pseudoallergie oder Fruktosemalabsorption. Allerdings habe ich häufig Patienten, die gleichzeitig unter einer Allergie und einer nicht-allergischen LMU leiden, z.B. einer pollenassoziierten Lebensmittelallergie und einer Histaminintoleranz.
Schär: Gibt es bestimmte Altersstufen, die besonders häufig betroffen sind?
Dipl.oec.troph Ute Körner: Das hängt von der Art der LMU ab. Milch-Ei-Allergien treffen v.a. Säuglinge und Kleinkinder, oft assoziiert mit einer Neurodermitis. Jugendliche und Erwachsene leiden häufiger unter pollenassoziierten Lebensmittelallergien oder Fruktosemalabsorption, hier ist wegen der gemeinsamen Obstunverträglichkeit die Differenzialdiagnostik besonders wichtig. Bei Frauen im Alter von 50 bis 70 Jahren werden meiner Erfahrung nach öfter eine orale Nickelallergie, eine Pseudoallergie oder eine Histaminintoleranz diagnostiziert.
Schär: Was reizt Sie an dem breiten Thema Allergien, warum haben Sie sich darauf spezialisiert?
Dipl.oec.troph Ute Körner: Einerseits reizt mich die Detektivarbeit bei der Suche nach dem Auslöser der Beschwerden und die damit verbundene enge Kooperation mit allergologisch spezialisierten Ärzten. Nach ausführlicher Anamnese, Sichtung vorhandener Befunde, Auswertung des Ernährungs- und Symptomprotokolls und Durchführung einer diagnostischen Diät finde ich oft den entscheidenden Hinweis auf den möglichen Auslöser der Beschwerden.
Andererseits finde ich gerade die Individualität dieser Erkrankungen besonders reizvoll. Kein Fall ist wie der andere. Jeder Patient hat sein eigenes Spektrum an unverträglichen Lebensmitteln, welches für eine erfolgreiche Ernährungstherapie ein hohes Maß an allergologischen Fachkenntnissen und Erfahrungen erfordert.
Ein weiterer Grund, weshalb ich mich auf das Thema Lebensmittelallergien und -unverträglichkeiten spezialisiert habe, ist die hohe Motivation und gute Compliance der Betroffenen. Die meisten Patienten, die zu mir in die Praxis kommen, sind bereit, den manchmal mühsamen und zeitaufwendigen Weg der Diagnosefindung bei LMU zu gehen. Am Ende des Weges steht dann ein Speiseplan, der nicht nur die identifizierten Allergene meidet, sondern auch die individuellen Bedürfnisse des Patienten berücksichtigt.
Schär: Sie geben Ihre langjährige Erfahrung im Bereich Allergien auch an Kolleginnen und Kollegen weiter, die in der Ernährungsberatung tätig sind. Stoßen Sie bei Fortbildungen zu diesem Thema auf ein gesteigertes Interesse?
Dipl.oec.troph Ute Körner: Ja, auf jeden Fall. Sowohl für Seminare, die ich im Rahmen des VDOE-Weiterbildungsprogramms anbiete als auch für die Seminare, die mit mir als Referentin bei freiraum in Zülpich stattfinden, wurden aufgrund der großen Nachfrage zusätzliche Termine angeboten.
Schär: Hat sich Ihrer Meinung nach die Situation für Menschen mit Lebensmittelallergien oder -unverträglichkeiten in den letzten Jahren verbessert, da sie nicht mehr als Exoten gelten und auch mehr Produkte speziell für ihre Bedürfnisse angeboten werden?
Dipl.oec.troph Ute Körner: Das Angebot an schmackhaften Produkten ist für die Patientengruppe tatsächlich sehr viel größer und vielseitiger geworden. Auch die neuen Allergenkennzeichnungsvorschriften für verpackte Lebensmittel erleichtern ihnen den Einkauf. Doch für das Essen außer Haus und für unverpackte, lose Ware gibt es noch keine Deklarationspflicht für Allergene. So stoßen Allergiker im Restaurant, beim Einkauf beim Bäcker oder auch bei Einladungen im Freundeskreis leider immer noch auf Unwissenheit und Unverständnis, wenn sie nach dem Allergengehalt der Lebensmittel und Speisen fragen. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit notwendig. Anstrengungen für eine verbesserte Allergenkennzeichnung bei offenen Produkten laufen bereits.
Die Diplom-Oecotrophologin Ute Körner ist seit 1988 als Ernährungsberaterin, Referentin für Fachvorträge und Weiterbildung sowie Fachautorin mit den Themenschwerpunkten Lebensmittelallergien und -unverträglichkeiten, Neurodermitis und Allergieprävention tätig. Seit 2000 arbeitet sie selbstständig in der eigenen Praxis und in allergologischen/internistischen Arztpraxen. Sie hat das Neurodermi¬tis-Schulungszertifikat (Ernährung) der AGNES, ist Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) sowie in der AG „Diätetik in der Allergologie“ der DGE und des gleichnamigen Arbeitskreises (www.ak-dida.de).











